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Geschichte der Volkshochschule in Kiel

Mit 57 Lehrgängen startete 1920 das erste Kieler VHS-Trimester. Das Herbstprogramm 2019 umfasst mehr als 1000 Angebote. Musste man sich damals oft persönlich beim Kursleiter anmelden, genügen heute ein paar Mausklicks. Das Jubiläum zum 100-jährigen Bestehen bietet Gelegenheit für einen Rückblick auf die Geschichte der Volkshochschule in Kiel.

Bereits 1874 gründete sich in Kiel ein „Volksbildungsverein“, um 1900 bestand an der Universität ein „Ausschuss für Volkshochschulkurse“. Einen festen Rahmen bekam die Erwachsenenbildung aber erst in der Weimarer Republik. Die neue Verfassung von 1919 legte in Artikel 148, Absatz 4, fest: „Das Volksbildungswesen, einschließlich der Volkshochschulen, soll von Reich, Ländern und Gemeinden gefördert werden.“ Erstmals in der deutschen Geschichte wurde damit Volksbildung als Grundrecht festgeschrieben.

Das hing wesentlich mit der neuen Staatsform der Demokratie zusammen. Wurde von den Untertanen vorher Gehorsam und Kaisertreue gefordert, waren sie nun aufgerufen, mit ihrer Stimmabgabe die politischen Entscheidungen mitzutragen. Das forderte neues Wissen – nicht nur über den Aufbau des Staates, die Parteien und das Parlament, sondern auch über die politischen Fragen der Zeit.

So entstanden in vielen Städten 1919 neue Volkshochschulen. In Kiel war es ein Bündnis aus Politik, Verwaltung, Universität und Gewerkschaften, das im November 1919 zur Gründung einer Volkshochschule aufrief. Es ist wohl dieser breiten, demokratischen Basis zu verdanken, dass die vhs in Kiel nun ihr 100-jähriges Bestehen feiern kann, während in mancher anderen Stadt die Volkshochschule nach wenigen Semestern aufgeben musste.

Persönlichkeiten der ersten Stunde

Am 15. November 1919 gründeten Persönlichkeiten wie die Professoren Gustav Radbruch und Hermann Heller, Oberbürgermeister Emil Lueken und Stadtverordnetenvorsteher Wilhelm Spiegel die Kieler Volkshochschule. Universität, Stadt und Gewerkschaften beteiligten sich mit Zuschüssen, Räumen und Personal, getragen wurde die Volkshochschule jedoch von einem Verein.

Für den Juristen Gustav Radbruch war die Gründung einer Volkshochschule die notwendige Konsequenz aus der Revolution von 1918. Nun wurden Menschen gebraucht, um die Weimarer Republik zu gestalten. Die Volkshochschule sollte alle zusammenbringen, die ihren Horizont erweitern wollten.

„Gemeinschaft“ ist daher der zentrale Begriff im Vortrag „Volkshochschule und Weltanschauung“, den Radbruch am 7. November 1919 im Gewerkschaftshaus hielt. An diesem Abend stellten die Initiatoren der Volkshochschule ihre Pläne vor.

Dazu gehörten außer Radbruch auch sein Professorenkollege Alfred Menzel sowie der Privatdozent Hermann Heller.

Auch Oberbürgermeister Emil Lueken und die Stadtverordneten Wilhelm Spiegel und Josephine Höber unterstützten die Idee.

Am 15. November 1919 trugen sich rund 1000 Interessenten in die Listen des neuen Volkshochschulvereins ein, im Januar 1920 begannen die ersten „Arbeitsgemeinschaften“.
 

Arbeitsgemeinschaften statt Vorlesungen
Zwei Formen sah Radbruch vor: Die „engere Arbeitsgemeinschaft“ für die großen Fragen des Lebens, die „fachwissenschaftlichen“ für Faktenwissen. Zusammen sollten sie die Teilnehmer befähigen, ihre „Weltanschauung“ zu formen.

Radbruch wünschte sich keine Vorlesungen, sondern lebendige „Lehrgespräche“. Er sah darin eine Parallele zum demokratischen Staat, der nicht mehr stummen Gehorsam erwartete, sondern Mitsprache und Beteiligung.

Der gebürtige Lübecker löste diese Forderung auch in seinem eigenen Leben ein. Für die SPD im Reichstag, wurde er zweimal zum Justizminister berufen. Dafür machte ihn die Kieler Volkshochschule im Wintersemester 1923/24 zum Ehrenmitglied.

1926 folgte Gustav Radbruch einem Ruf nach Heidelberg. 1933 entlassen, konnte er seine Lehrtätigkeit nach 1945 wieder aufnehmen. Er starb 1949 in Heidelberg an einem Herzinfarkt.

Seine politische Tätigkeit ließ ihm wenig Zeit, um selbst an der Kieler Volkshochschule zu lehren. Im allerersten Programm ist er allerdings gleich unter Nummer 1 mit der Arbeitsgemeinschaft „Weltanschauungsfragen“ vertreten.

Radbruch, Gustav. Volkshochschule und Weltanschauung. In: Heller, Radbruch, Volkshochschule und Weltanschauung. Kiel, Haase 1919
Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck, Band 7 (1985), S. 171-176

Der Jurist Hermann Heller war 1919 nur für wenige Jahre nach Kiel gekommen, um sich bei Gustav Radbruch zu habilitieren.

Der Sohn einer österreichisch-jüdischen Anwaltsfamilie kannte die Stadt schon von einem Studienaufenthalt vor dem Ersten Weltkrieg. Auf sein Examen war zunächst der Fronteinsatz bei der österreichischen Armee gefolgt, dann begann er in Leipzig seine Habilitation und widmete sich der Erwachsenenbildung.

Das setzte er in Kiel zunächst fort, indem er Vorträge im Arbeiter-Bildungs-Verein hielt. Themen waren die Wirtschaft im Sozialismus und die staatliche Umgestaltung Deutschlands – zur neuen Demokratie gehörten auch Betriebsräte und Rechte für Arbeiter.
 

Freude an der Erkenntnis ist entscheidend
In seinem Vortrag „Gestalt und Ziel der deutschen Volkshochschule“, der am 14. November 1919 auch in der Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung veröffentlicht wurde, hob Hermann Heller die freie Wahl als wesentlichen Aspekt der Erwachsenenbildung hervor. Anders als in der Schule gebe es keinen Lehrplan, keine Pflichtfächer. Im Mittelpunkt stehe auch nicht das berufliche Fortkommen. Zentral sei dagegen die Freude an der Erkenntnis. „Bildung ist erlebtes Wissen“ - mit diesem Satz fasste er Inhalt und Ziel der Volkshochschule zusammen.

Er selbst bot an der Kieler Volkshochschule Einführungen ins Völkerrecht an. Seine Tätigkeit währte nur kurz, denn schon 1921 ging Heller zurück nach Leipzig, wo er die Leitung des neuen Volksbildungsamtes übernahm. 1926 wurde er dann an die Universität Berlin berufen, 1931 nach Frankfurt am Main.

Wegen seiner Mitwirkung am Prozess „Preußen contra Reich“ bereits im Visier der Nationalsozialisten, entschied Hermann Heller sich im März 1933, von einem Vortrag in London nicht zurückzukehren. Tatsächlich wurde er bereits im Herbst aus dem deutschen Staatsdienst entlassen. Heller hatte inzwischen das Angebot einer Gastprofessur in Madrid angenommen. Dort erlag er noch 1933 einem Herzleiden, das er sich im Ersten Weltkrieg als Soldat an der russischen Front zugezogen hatte.

Heller, Hermann. Gestalt und Ziel der deutschen Volkshochschule. In: Heller, Radbruch, Volkshochschule und Weltanschauung. Kiel, Haase, 1919
Streitbare Juristen. Eine andere Tradition. Baden-Baden, Nomos, 1988. S. 268-281

Für Alfred Menzel bot Kiel der Volkshochschule beste Voraussetzungen. Hier gab es Wissenschaftler aller Fachgebiete, hier gab es Hörsäle, Sammlungen und einen Botanischen Garten. Bei der VHS-Gründung im November 1919 sprach er daher über „Universität und Volkshochschule“.

Obwohl ihre Lehrkräfte auch aus vielen anderen Berufen kamen, war die Kieler Volkshochschule eng mit der Universität verknüpft. Neben Professoren waren es vor allem die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich der Erwachsenenbildung widmeten.
 

Bildung für Arbeiterinnen und Arbeiter
Voraussetzung dafür war, wie Menzel es nannte, „ein Herz (…) für die heilige Sache des Volkes“. Zielgruppe sollten ja vor allem die Arbeiterinnen und Arbeiter sein, die in ihrer Schulzeit nur wenig Bildung erhalten hatten. Ein Akademiker, der auf sie herabschaute und ihre Sprache nicht verstand, eignete sich in Menzels Augen nicht für die Volkshochschule.

Menzel stammte selbst aus einfachen Verhältnissen. Als Sohn eines Lokomotivführers in Eckernförde aufgewachsen, machte er zunächst nur das Volkschullehrerexamen. Dann aber holte er das Abitur nach und studierte. Sein Hauptfach war die Philosophie, doch er schnupperte auch in viele andere Fächer, ob Germanistik, Orientalistik oder Naturwissenschaften.

Die gleichen Möglichkeiten sollte auch die Volkshochschule bieten – nur anders. „Die Anatomie der Ringelwürmer mag eine wissenschaftlich interessante Sache sein, aber sie ist kein Gegenstand der Volkshochschule; dagegen sind die Grundzüge der Biologie oder die allgemeine Entwicklungslehre solche Gegenstände“, so Menzel. Er selbst bot eine „Einführung in die Philosophie“ an.

Alfred Menzel, der auch der erste Geschäftsführer der Volkshochschule war, ging 1922 nach Leipzig. Dort unterrichtete er als einer von mehreren nichtjüdischen Lehrern an der Höheren Israelitischen Schule. Nach den Novemberpogromen 1938 wurde die Schule von den NS-Behörden geschlossen. Menzels Einsatz für Kollegen und Schüler brachte ihn in Konflikt mit der Gestapo, die ihn 1944 verhaftete. Nach 1945 erhielt er in Leipzig einen Lehrstuhl für Pädagogik. Er blieb dort bis zu seinem Tod 1959.

Menzel, Alfred. Universität und Volkshochschule. Kiel, Haase, 1920
Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck, Band 12 (2006), S. 306-308

Die Chronik

Blättert man in den Semesterprogrammen, so fällt auf, wie aktuell Volkshochschule ist – politische Entwicklungen, gesellschaftliche Aufgaben werden hier schnell aufgegriffen und in Kursangebote übersetzt. Eine Auswahl von Kursthemen ist in den Beiträgen zu jedem Jahrzehnt zu finden.

Manche Dauerbrenner aber sind seit Jahrzehnten gefragt. Von Anfang an gab es an der Kieler Volkshochschule Gymnastik, begleitende Angebote zu Ausstellungen, Konzerten und Theaterstücken in Kiel, Malen, Singen und Rhetorikkurse. Und ob man nun von Backfischen, Halbstarken, Teenagern oder Pubertierenden spricht – auch Erziehungsfragen scheinen in jeder Generation aktuell zu bleiben.

„Wissen ist Macht“ war im November 1918 das Motto einer Kundgebung im Kieler Gewerkschaftshaus. Der Volkswirtschafts-Professor Gerlach forderte dort eine „Volkshochschule der Demokratie“. Arbeiterinnen und Arbeiter hatten schon lange erkannt, dass Bildung ein Schlüssel zur politischen Teilhabe war. Arbeiterbildungsvereine gab es seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Doch erst die Revolution von 1918 und die Gründung der Weimarer Republik machten es möglich, eine staatlich geförderte Volkshochschule mit einem durchdachten Programm zu etablieren.

Am 15. November 1919 gründeten Persönlichkeiten wie die Professoren Gustav Radbruch und Hermann Heller, Oberbürgermeister Emil Lueken und Stadtverordnetenvorsteher Wilhelm Spiegel die Kieler Volkshochschule. Universität, Stadt und Gewerkschaften beteiligten sich mit Zuschüssen, Räumen und Personal, getragen wurde die Volkshochschule jedoch von einem Verein.

Im Januar 1920 begann das erste Kieler VHS-Trimester mit 57 Lehrgängen. Ob jemand seine Allgemeinbildung erweitern, das neue politische System verstehen oder sich beruflich weiterbilden wollte – die Volkshochschule bot die entsprechenden Kurse an. Auch Kulturgenuss und Sport gehörten von Anfang zum Angebot. Während die Schulen Mädchen und Jungen noch getrennt unterrichteten, lernten an der Volkshochschule Frauen und Männer gemeinsam.

Wesentliche Methode war an der Volkshochschule die „Arbeitsgemeinschaft“, die über drei Monate hinweg wöchentlich stattfand. Dozentinnen und Dozenten, Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten hier auf Augenhöhe. Ziel war das Verstehen der großen Zusammenhänge. Damit hob sich das VHS-Angebot deutlich von Einzelvorträgen, Schulunterricht oder Berufsausbildung ab.

Zunächst fand ein Großteil der Kurse in den Hörsälen der Universität am Schlossgarten statt. Zusätzlich gab es in einigen Semestern Angebote im Gymnasium Wellingdorf und in der ehemaligen Garnisonsschule in Friedrichsort. Für Chemie- und Physikkurse nutzte man die Laborräume der Hebbelschule in der Waitzstraße.

1926 bekam die Volkshochschule schließlich ihr erstes eigenes Gebäude, die ehemalige Reichsbank in der Fleethörn 25. Sie beherbergte künftig die Geschäftsstelle und mehrere Kursräume. Das Gebäude wurde Anfang 1945 bei einem Bombenangriff zerstört.

Als Folge der Weltwirtschaftskrise war die Stadt gezwungen, ihren Zuschuss für die Volkshochschule deutlich zu senken. Ab dem Sommersemester 1930 musste daher das Kursangebot ebenfalls drastisch reduziert werden – aus dem Programmheft wurde ein Faltblatt. Erst im Winter 1932/33 konnte man immerhin wieder 47 Lehrgänge zur Auswahl stellen. Unter dem nationalsozialistischen Regime wurden jedoch ab 1933 viele bewährte VHS-Kräfte ihrer Ämte enthoben und das Haus zur „Nationalpolitischen Volksbildungsstätte“ umfunktioniert.

1920-1922 Prof. Dr. Alfred Menzel
1922-1930 Magistratssyndikus Dr. Ernst Kantorowicz
1930-1933 Dr. Hanna Colm

  • 1920: „Wie liest man Zeitungen? Zur Kritik des modernen Zeitungswesens“ (Schriftleiter Kretzen)
  • 1920: „Die neue Reichsverfassung“ (Prof. Dr. Jellinek)
  • 1922/23: „Gymnastische Uebungen zur Körperbildung“ (getrennt für Männer und Frauen) (Gymnastiklehrerin Gertrud Möller)
  • 1924/25: „England, Land und Leute“ (Mr. Grant C. S. Fairbairn, in englischer Sprache)
  • 1923: „Okkultismus, Religion und Wissenschaft“ (Lic. Dr. Schütz)
  • WS 24/25: „Gewerbehygiene mit besonderer Berücksichtigung des Betriebsrätegesetzes.“ Welche gesundheitlichen Anforderungen stellen wir an die Arbeitsräume? Schutz der Arbeiter in den Betrieben gegen Unfälle und Gifte. Die allgemeinen gesetzlichen Bestimmungen über den Arbeiterschutz. Das Betriebsrätegesetz. Die Mitarbeit der Arbeiter bei der Verbesserung des Gesundheitsschutzes in den Betrieben.“ (Kreismedizinalrat Dr. Engelsmann)
  • WS 26/27 „Deutsche Erfinder der neuen Zeit und ihre Erfindungen, unter besonderer Berücksichtigung der Industrie Kiels.“ Rudolf Diesel und der Dieselmotor. Anschütz, der Kreiselkompaß und der Selbststeurer. Alexander Behm und das Echolot. Michel und der Michelmotor. Anton Flettner und der Flettnerrotor. Gall und der Tiefseetaucher. Das Unterseeboot und seine geistigen Förderer. (Schiffbauingenieur Dr. Lage)

Das NS-Regime bedeutete ein abruptes Ende für die Volkshochschule. Der Name „Nationalpolitische Volksbildungsstätte Kiel“ machte ab Dezember 1933 deutlich, dass der frühere Grundsatz der Parteiunabhängigkeit aufgegeben war. Zutritt hatten von nun an nur noch „Volksgenossen“, also Deutsche, die nach den NS-Rassegesetzen als „arisch“ galten.

Das betraf auch das Lehrpersonal. Engagierte Mitarbeiterinnen wie die bisherige Geschäftsführerin Hanna Colm oder die Ärztin Josephine Höber galten nach den NS-Rassegesetzen als Jüdinnen. Beide wanderten mit ihren Familien in die USA aus.

Dagegen blieben Dozenten wie der Philosoph Ferdinand Weinhandl, der seine Linientreue nicht erst durch seine Rede zur Bücherverbrennung auf dem Wilhelmplatz am 10. Mai 1933 unter Beweis gestellt hatte. Seit 1923 hatte er Kurse an der Volkshochschule gegeben. Doch statt über „Goethes Lehre vom Menschen“ (WS 1928/29) sprach er nun über „Rasse und Persönlichkeit (die nordische Seele)“ und „Weltanschauung des Nationalsozialismus“ (WS 1933/34).

Alle Angebote der Volksbildungsstätte dienten nun der ideologischen Schulung. Besonders deutlich wird das am umfangreichen Fortbildungsangebot für Mitglieder von Parteiorganisationen. Zudem wurde die Bevölkerung bereits auf einen Krieg vorbereitet, etwa mit der Vortragsreihe „Der deutsche Luftschutz“ (WS 1933/34). Praktisch geschah das im Gebäude Fleethörn 25 im Jahr 1937, als sieben Kellerräume zum öffentlichen Sammelschutzraum für 183 Personen umgebaut wurden.

Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs lässt sich eine Änderung in der Kursstruktur beobachten. Häufig umfassten die Angebote nur noch vier bis fünf Vorträge, manchmal von verschiedenen Dozenten. Offenbar erschwerten Bombenangriffe und Gebäudeschäden das kontinuierliche Arbeiten. Wegen der anbefohlenen Verdunklung mussten alle rechtzeitig wieder zu Hause sein. Wohl als Ablenkung für die tägliche Bedrohung gab es an der Volksbildungsstätte in diesen Jahren auch Freizeitkurse wie Malen, Basteln, Fotografieren, Bridge- oder Schachspiel.

Die Arbeitspläne aus der NS-Zeit liegen nur lückenhaft vor und enden mit dem Wintersemester 1941/42. Ob danach noch Unterricht stattfand, ist unbekannt. Das Gebäude Fleethörn 25 wurde im Februar 1945 nach einem Volltreffer abgebrochen.

Circa 1933-1937 Magistrats-Oberschulrat Dr. Hans Schröter, Kreisschulungsleiter der NSDAP
Circa 1940-1942 Rektor Albert Fallet, Kreisschulungsredner der NSDAP

WS 1933/34: „Familiengeschichtsforschung im völkischen Staat“
WS 1933/34: „Die Frau als Wahrerin der Volksgesundheit“
WS 1940/41: „Die Seuchenbekämpfung im Kriege“ (Vortrag)
WS 1940/41: „Der Schutz der Erbgesundheit durch die nationalsozialistische Gesetzgebung“ (Vortrag)
WS 1941/42: „Oberdonau – der Heimatgau des Führers“, (Vortrag)
WS 1941/42: „Allahkerim – Berlin-Bombay im Kleinwagen“ (Vortrag)

Bereits im Winter 1945/46 wurde die Volkshochschule mit Zustimmung der britischen Behörden wieder gegründet. Sie bot zunächst 54 Lehrgänge an, im folgenden Winter waren es bereits 157 Lehrgänge. "Wir haben uns von Meinungen und Vorstellungen zu befreien, die aus Geschichtslügen und halben Wahrheiten stammen, und die uns ins Unglück stießen. (...) Im Gegensatz zum Erziehungsideal der verflossenen Jahre, das den Menschen auf eine gewaltmäßig geschaffene Anschauung festlegte und verpflichtete, wollen wir die freie Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen fördern (...)", so umriss Kulturdezernent Max Wittmaack im Herbst 1946 die Aufgabe der Volkshochschule.

Bis 1948 nutzten jedes Semester rund 4000 Hörerinnen und Hörer die Volkshochschule, um entgangenes Schulwissen nachzuholen, versäumte Berufsqualifikationen zu erwerben oder sich auf den aktuellen Stand in Wissenschaft, Technik, Politik und Kultur zu bringen. Eine Neuerung waren die Sprachkurse für Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Schwedisch, Russisch sowie Latein. Eine Reihe von Kursen richtete sich zudem an Jugendliche ab 15 Jahren. Nach der Währungsreform 1948 ging die Hörerzahl allerdings zunächst deutlich zurück – die D-Mark ermöglichte neue Anschaffungen und zwang damit zum genaueren Rechnen.

Da das VHS-Haus an der Fleethörn nicht mehr stand, fanden die Lehrgänge in den erhaltenen Schul- und Uni-Gebäuden statt, beispielsweise am Zoologischen Institut in der Hegewischstraße, in der heutigen Humboldtschule am Knooper Weg und in der Knaben-Mittelschule an der Ecke Muhlius-/Bergstraße (seit 1988 Hauptsitz der VHS).

Zuerst beim städtischen Kulturamt angesiedelt, wurde die Volkshochschule 1953 in einen Verein umgewandelt, den die Stadt jährlich bezuschusste. Die Geschäftsstelle befand sich an zentraler Stelle in der Holstenstraße 104 am Holstenplatz. Zu den Unterrichtsorten kamen in den 1950ern Hardenberg- und Goetheschule, außerdem Institute auf dem neuen Uni-Campus an der Olshausenstraße.

Die Vielfalt der Kursangebote blieb auch in den 1950ern erhalten. Naturwissenschaft und Technik hatten ihren Platz ebenso wie Kunst und Kultur. In Kooperation mit der DAG gab es berufsbildende Angebote. Auffällig ist jedoch das Fehlen von historischen Lehrgängen. Statt sich mit der eigenen Geschichte zu befassen, richtet sich der Blick in die Zukunft, mit einem klaren Bekenntnis zur Demokratie und zu Europa.

1945-1961 Max Wittmaack

  • Wirtschafts- und Sozialpolitik einschließlich Sozialversicherung. Deutschlands Rückkehr zum Weltmarkt – Brot für ganz Europa – Kartellgesetz – Montanunion – Arbeitsschutz und Betriebsschutz – Kollektives Arbeitsrecht und Lohnpolitik – Betriebsverfassung und Mitbestimmung – Familienausgleich – Sozialreform. (Dr. Paul Jonietz, Dr. Peter Quante)
  • Gemeinde – Land – Bund. Anhand der Berichterstattung der Kieler Tagesprese über die laufenden politischen Ereignisse machen wir uns vertraut mit dem Grundgesetz, der Landessatzung und der Gemeindeordnung. (Harald Eschenburg)
  • Die Vögel meines Gartens. Übungen und Naturbesuche. Wir arbeiten mit Naturobjekten, Lichtbildern und Filmen. (Dr. Günter Preuß)
  • Was sagen Künstler der Gegenwart über sich und ihre Werke? Als Quellen benutzen wir Briefe, Tagebücher und andere schriftliche Äußerungen von Künstlern unserer Zeit. Wir wollen auf diesem Wege ein Verständnis für moderne Malerei gewinnen. Behandelt werden u.a. Barlach, Beckmann, Kandinsky, Picasso, Braque, Klee, Miro. (Anneruth Schwanstecher)
  • Von der photographischen Aufnahme zum fertigen Bild. Geschichtliches über die Photographie. Erklärung der photographischen Kamera. (...) Die moderne Blitzlichthpotographie. Die Farbenphotographie (...). Das Schmalfilmen, Licht- und Magnettonfilm. (...) Dunkelkammerpraxis für den Amateur (...). (Johannes Weinert)
  • Medau-Gymnastik „Bewegung und Musik“. Ein Weg der musischen Leibeserziehung zur Erhaltung der körperlichen und seelischen Widerstandskräfte. Der Körper soll lebendig in seinen Bewegungen, empfindungsreich und ausdrucksfähig bleiben. (Friedel Laffert, Hannelore Stade).
  • Rechnen mit dem Rechenschieber. Ohne umständliche Merkregeln wird der Gebrauch der Rechenstäbe verschiedener Systeme aufgezeigt. Es werden praktische Aufgaben aus dem Maschinenbau, der Elektrotechnik, der Physik, der Mechanik usw. gerechnet. Der Hörer lernt nach kurzer Zeit, seinen Rechenstab als wertvolles Hilfsmittel zur Leistungssteigerung schätzen. (Fritz Rancke)
  • Wir lesen Svenska Dagbladet. Durch die Lektüre dieser Stockholmer Tageszeitung lernen wir Schweden und seine Menschen kennen. Dabei eignen wir uns die Grundlagen der Grammatik an. (Anni Hertz)

Im Jahr 1960 bekam die Volkshochschule erstmals seit 1945 wieder ein eigenes Haus. Die Adresse konnte kaum nobler sein: Der Rantzaubau des Kieler Schlosses wurde zur neuen Heimat der Erwachsenenbildung – zumindest einige Räume innerhalb des Gebäudes. Damit entstanden dem Trägerverein jedoch auch höhere Kosten, die er nicht aus eigenen Mitteln decken konnte. Nach mehreren Gutachten entschied die Ratsversammlung, die Volkshochschule ab 1. Januar 1962 wieder als städtisches Institut zu führen. Eine Satzung garantierte ihre politische Unabhängigkeit. Zum Leiter wählte der Magistrat den Diplom-Sozialwirt Carl Schmarbeck.

Der neue Status brachte eine deutliche Ausweitung des Angebots, die Besucherzahlen stiegen innerhalb von zwei Jahren um 25 Prozent. Wie in der Nachkriegszeit gab es besondere Angebote für Jugendliche, die von der Jugendbildungsreferentin Heidi Thomsen koordiniert wurden. Die bundesweit einmalige „Jugendakademie“ brachte sogar eine eigene Zeitschrift heraus, den „Igel“. Erstmals bemühte sich die Kieler Volkshochschule, Angebote für Senioren zu entwickeln. Mehrere Dozentinnen richteten sich mit ihren Lehrgängen gezielt an Frauen.
Ende der 1960er kümmerten sich mehr als zehn hauptamtliche Mitarbeiter um die Verwaltung und das Programm der Volkshochschule, 129 Lehrkräfte boten im Semester knapp 160 Kurse an.

Die berufliche Bildung wurde in diesem Jahrzehnt zu einem Schwerpunkt des VHS-Programms. Dahinter stand die Erkenntnis, dass sich die Arbeitswelt schneller wandelte als früher und die Berufstätigen mit immer höheren Anforderungen konfrontiert wurden. „Der Erfolgreiche von morgen wird der Gutinformierte, Urteilsfähige und Entscheidungsbereite sein“, stellte Stadtschulrat Dr. Kurt Max Hoffmann 1966 in einem Bericht fest. Die Volkshochschule kooperierte mit Bildungsträgern, bot Abschlüsse und Qualifikationen an und führte in EDV-Grundlagen ein.

Die Themen der Zeit spiegeln sich in den VHS-Programmen. Man setzte sich mit politischen Systemen auseinander, wobei neben dem Kommunismus auch der Nationalsozialismus in mehreren Kursen zur Sprache kam. Die Reformen des „Prager Frühlings“ 1968 bildeten den Anlass für eine Studienreise in die CSSR (Tschechoslowakei) im Juni 1968. Als im August Truppen des Warschauer Pakts in das Land einmarschierten, führte das auch in Kiel zu Sympathie-Kundgebungen für die CSSR. An diesem Beispiel wird deutlich, wie dicht die Volkshochschule am Puls der Zeit war und wie rasch sie relevante Themen aufgreifen konnte.

Bei alledem kamen auch die künstlerischen Angebote an der VHS nicht zu kurz. 1963 wurde die Musikschule gegründet, die nicht nur Kinder und Erwachsene ins Musizieren einführte, sondern auch mit Konzerten und Auftritten das Kieler Kulturleben bereicherte.

1962-1980 Carl Schmarbeck

  • 1962: Von Marx zu Mao. Ein Sechstel der Erde ist kommunistisch regiert. Ist dieses Sechstel ein monolithischer Block mit der Zentrale in Moskau? Welche Rolle spielt der Kommunismus in den westlichen Ländern? (Horst Hellwig)
  • 1962: Soziologische Beiträge zum Verständnis der Entwicklungsländer. (...) Das Bevölkerungswachstum als Bedrohung und Chance. (...) Die besondere Situation eines ausgewählten Landes (China oder Indien). Die Entwicklungshilfe in soziologischer Sicht. Sind unsere Auffassungen von Erwerb und Arbeit übertragbar? (Dr. Dieter Kappe)
  • 1962: Mensch und Kriminalität. Der Kursus hat das Ziel, falsche und romanhafte Vorstellungen über die Arbeit der Kriminalpolizei und über die Kriminalität abzubauen. (Walter Heyn)
  • 1962: Die nationalsozialistische Diktatur. Geistige und politische Vorläufer des Nationalsozialismus. Deutschland nach dem 1. Weltkrieg. Wesen und Geschichte des Nationalsozialismus. Auseinandersetzung mit dem Neofaschismus. (Jacob Schäfer, Dr. Heinz-Josef Varain)
  • 1968: Frau und Gesellschaft. Wie soll die Frau sein? Forderungen verschiedener Gesellschaften und Epochen an die Frau unter besonderer Berücksichtigung der Herausforderung durch die moderne Industriegesellschaft. (Erika Lange)
  • 1968/69: Von der Hollerithmaschine zur Großrechenanlage. Einführung in die Datenverarbeitung. (Vortragsreihe)
  • 1968: Der Film im Dritten Reich. (...) An ausgewählten Beispielen soll gezeigt werden, welche Bedeutung der Film im Dritten Reich als Mittel politischer Propaganda und ideologischer Selbstdarstellung des Nationalsozialismus besaß. (Hans Thomsen)
  • 1968: Modellbootsbau. Kiel als Stadt der Kieler Woche und der Olympiade 1972 hat nicht nur eine Tradition im Segeln, sondern auch im Modellbootbau. (...) Zusätzlich zu den schon bestehenden Gruppen an Kieler Schulen können jetzt auch Erwachsene an einem Lehrgang Modellbootsbau teilnehmen. (Waldemar Nissen)

1970 wurde der Sitz der Volkshochschule erneut verlegt, und zwar in die ehemalige Landwirtschaftsschule am Rondeel (Alte Lübecker Chaussee 1). Obwohl dort weitaus mehr Raum zur Verfügung stand als im Rantzaubau, reichte er für das umfangreiche Angebot nicht aus. Die Unterrichtsorte verteilten sich im Lauf des Jahrzehnts über die ganze Stadt. Es gab Kurse an der FH Technik (Legienstraße), im Frauenzentrum (Gneisenaustraße), in mehreren Künstlerateliers, am Schauspielhaus und an vielen Schulen. Dazu zählten auch Schulen in sämtlichen Stadtteilen.

Innerhalb von zehn Jahren konnte man die Zahl der Angebote dank zahlreicher Kooperationen vervierfachen – 1979 umfasste das Programmheft 589 Kurse. Es gab inzwischen eine Reihe von Studienreisen, insbesondere im Bereich Kunstgeschichte. Das Seniorenprogramm wurde ausgebaut, etwa mit „Englisch für ältere Bürger“.

Auch die Frauenbewegung der 1970er hinterließ ihre Spuren im VHS-Programm. So lud das Frauenzentrum zur „Selbsterfahrungsgruppe für Frauen“, wo die Teilnehmerinnen Kontakte knüpfen und über ihre Wünsche diskutieren konnten. Eine Kfz-Werkstatt bot Pannen-Reparatur-Kurse nur für Frauen an. Wenn es um die berufliche Bildung ging, wurde meist die männliche Form benutzt: Elektroniker, Buchhalter, Industriefachwirt. Es gab jedoch Ausnahmen wie Teilzeichnerin, Arzthelferin, Sekretärin – in diesen Kursen rechnete offenbar niemand mit männlichen Teilnehmern.

Ein Blick in die Sprach-Abteilung enthüllt die beliebtesten Urlaubsziele der Kielerinnen und Kieler. Portugiesisch, Polnisch, Serbokroatisch, Neugriechisch und Türkisch kamen in dieser Dekade neu hinzu. Einzelne mögen diese Kurse belegt haben, um sich mit den „Gastarbeitern“ zu verständigen, die seit Anfang der 1970er in der Kieler Industrie arbeiteten. Für die VHS bildeten sie eine neue Zielgruppe. Im Programm 1979 finden sich Vorbereitungslehrgänge zum Hauptschulabschluß sowie für die externe Facharbeiterprüfung Maschinenschlosser, jeweils „für Türken“. Der deutsche Hauptschulabschluss wurde in der Türkei als Mittlere Reife anerkannt.

Zwei Jahrestage konnten in den 1970ern gefeiert werden: Im Juli 1978 beging die Musikschule mit einem Konzert ihr 15-jähriges Bestehen.

Mit Tagen der offenen Tür, Festvorträgen und Podiumsdiskussion erinnerte die Volkshochschule an ihre Gründung vor 60 Jahren, im November 1919.

1962-1980 Carl Schmarbeck

  • Terrorismus – soziologische und psychologische Ursachen. Die Ursachen des gegenwärtigen Terrorismus sind wie bei kaum einem anderen politischen Phänomen ungeklärt und strittig. (...) [Im Kurs] werden die verschiedenen (...) Deutungsangebote dargestellt, diskutiert und die sich ergebenden politischen Konsequenzen untersucht. (Ingeborg Arenz-Wulfes)
  • Europa vor der Direktwahl. 1979 wird das Europäische Parlament direkt gewählt. Wieviele Wähler wissen wirklich, was da zu wählen ist und welche Bedeutung diese Wahl hat? (Leo Derrik)
  • Energiefragen – Diskussion um zukünftige Lebensformen. Die Energiediskussion in der Bundesrepublik verlagert sich auf drei Schwerpunkte: Der schnelle Brüter soll als zukünftiger Reaktortyp die Probleme der Uranknappheit lösen. (...) Als Alternative zur Nuklearenergie werden u.a. Sonnenenergie, Windenergie oder Temperaturdifferenzen im Meer genannt. (...) Welche Chancen bieten alternative Lebensformen für eine Senkung des Energiebedarfs? (Roland Lauterbach, Helmut Mikelskis)
  • Die DDR im Spiegel zweier Romane. Eine Einführung in moderne Romanformen am Beispiel. Christa Wolf: Nachdenken, und Uwe Johnson: Mutmaßungen über Jakob. (Annemarie Geißel)
  • Moderne Methoden und Techniken der Programmerstellung (Software Engineering). Durch seine Praxisnähe wendet sich der Kurs an Programmierer, Systemanalytiker und EDV-Organisatoren sowie an Absolventen des Informatik-Zertifikatskurses. (Björn Moritz)
  • Objektkunst – auf den Spuren von Marcel Duchamp. Ausgehend von den Kunstäußerungen zu Beginn dieses Jahrhunderts sollen Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie sich aus einfachsten Materialien (Fundstücken, Resten, Industrieabfällen, insbesondere Sperrmüll) bildnerische Gestaltung ableiten läßt. (Raffel Rheinsberg)

Das Jahrzehnt begann mit dem Abschied von Carl Schmarbeck, der die Kieler Volkshochschule seit 1962 geführt hatte. Nachfolger wurde 1981 sein Stellvertreter, der Musikwissenschaftler Dr. Rolf Pröpper, bereits seit 1970 Leiter des Fachbereichs „Kunst, Literatur, Gestaltung“.

Ein neues Thema für die VHS waren die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen. So gab es beispielsweise Kurse in Gebärdensprache und Sprachkurse für Gehörlose. Der Kurstitel „Behinderte und Nichtbehinderte – gemeinsame Bewältigung der Probleme“ verrät, wie ungewohnt die Begegnung zwischen beiden Gruppen war.

Unter den knapp 600 Kursen, die im Semester angeboten wurden, fand inzwischen rund ein Drittel tagsüber statt. Dafür brauchte man Räume, die nicht durch Schulunterricht belegt waren. Da die VHS-Zentrale am Rondeel 1987 außerdem starken Renovierungsbedarf hatte, stellte sich also wieder einmal die Raumfrage. Sie konnte nun aber längerfristig gelöst werden.

Im Herbst 1987 fanden die Musikschule sowie die Fachbereiche Mathematik, Naturwissenschaften und Technik eine neue Heimat in der Gerhardschule. Dort besaß die Volkshochschule ihren ersten eigenen Computerraum, auch die Druckwerkstatt der Kunst-Abteilung wurde hier eingerichtet.

1988 kamen zwei weitere Gebäude hinzu: Die ehemalige Schule an der Waisenhofstraße bot Platz für Kunst- und Literaturkurse, während die ehemalige Muhliusschule die Verwaltung und die Fachbereiche Gesellschaftswissen, Fremdsprachen, Deutsch und Allgemeine Abschlüsse aufnahm.

Als Bürgermeister Karl-Heinz Zimmer am 8. Dezember 1988 die Schlüssel an Rolf Pröpper übergab, hatten Stadt, Land und Bund 326.000 DM in die Muhliusschule investiert. Hier konnte die Volkshochschule 24 rollstuhlgerechte Kursräume anbieten. Allerdings waren die Sanitäranlagen noch nicht entsprechend eingerichtet, und in einigen Klassenräumen standen noch Grundschulmöbel.

Dennoch hatte man allen Grund zum Feiern. Im September 1988 lud die Musikschule zum 25-jährigen Jubiläum zu einer Konzertreihe im Schloss ein. Das 70-jährige Bestehen der Volkshochschule würdigte man im Oktober 1989 mit mehreren Vorträgen über den Mitbegründer Gustav Radbruch (1878-1949). Der Kieler Rechtswissenschaftler war von 1921 bis 1922 Reichsjustizminister. Zu seinen Ehren wurde das neue VHS-Hauptgebäude „Gustav-Radbruch-Haus“ benannt.
 
Das Jahr 1989 markiert auch einen Wendepunkt der Geschichte – im November wurde die deutsch-deutsche Grenze geöffnet. Die Kieler Volkshochschule bot im Oktober 1989 und März 1990 den zweiteiligen Kurs „Glasnost und Perestroika“ an – wieder einmal direkt am Puls der Zeit.

1981-1993 Dr. Rolf Pröpper

  • Einführung für Frauen [in die Arbeit am PC]. „Wenn die Frauen sich nicht in die Computerzukunft einmischen, werden sie die Analphabeten von morgen.“ In den Köpfen vieler Frauen spukt möglicherweise das Vorurteil oder die Angst, daß Computer Männersachen seien. Im praktischen Umgang mit dem Computer sollen Grundkenntnisse der EDV erworben und mögliche Hemmschwellen abgebaut werden. Darüber hinaus kommen die Auswirkungen dieser Technologie auf „Frauenarbeitsplätze“ und Möglichkeiten der Qualifizierung zur Sprache.“ Inhalte u.a.: Beteiligung von Frauen an der Entwicklung der EDV. Einführung in die Arbeit mit Anwender-Programmen. Praktische Übungen am IBM-PC.
  • Deutsch für Aussiedler aus den osteuropäischen Ländern, besonders Polen, Asylberechtigte und Kontingentflüchtlinge.
  • Deutsch: Verstehen, Sprechen, Lesen, Schreiben für Teilnehmer/innen aus dem fernöstlichen, arabischen und afrikanischen Kulturkreis. In Kiel leben und arbeiten viele Ausländer und Ausländerinnen, die die deutsche Sprache lernen möchten. Besonders große Schwerigkeiten haben diejenigen, die zwar Englisch verstehen und sprechen können, aber kaum lateinische Buchstaben beherrschen.
  • Deutsch für türkische Mitbürger/innen. (Reihe von Kursen für verschiedene Sprachniveaus)
  • Deutsch für türkische Mädchen und Frauen. Der Kursus vermittelt Sprachkenntnisse an den Themen Haushaltsführung, Kochen, Gesundheit, Kindererziehung, Mode, Einkaufen. Die Teilnehmerinnen können ihre Kinder zum Kurs mitbringen, wo sie betreut werden.
  • Radyo, TV ve Video çalışma. Bu kursun amacı, bu aletlerin kullanılma ve çalışma yöntemleri üzerine bilgi vermektir. Degişik sistem ve fabrikatlar örnekle gösterilip izah edielcektir. [Umgang mit Radio-, TV- und Videogeräten für Menschen mit türkischer Muttersprache]
  • New Age, Symptom wofür? Auf welche Probleme der Moderne reagiert diese uneinheitliche Bewegung? Wie sind ihre Antworten zu bewerten?

 

Die 1990er bedeuteten für die Volkshochschule zunächst einmal Änderungen in der Organisationsstruktur. 1990 wurde die Volkshochschule zu einem eigenen Amt innerhalb der Kieler Stadtverwaltung. Als diese 1993 eine Verwaltungsreform plante, meldete VHS-Leiter Rolf Pröpper sein Amt als „Modellamt“ an. In einem Zeitungsinterview von 1999 beurteilte er diesen Schritt als Erfolg: Die Umschichtung von Mitteln habe erlaubt, weitere Räume des Gustav-Radbruch-Hauses (ehemalige Muhliusschule) erwachsenengerecht auszustatten. Ein weiteres Ergebnis war, dass die Zahl der hauptamtlichen Lehrkräfte nach und nach reduziert wurde, um mehr Sachbearbeiter einstellen zu können. Sie sollten dafür sorgen, dass trotz steigender Kurszahlen – 1999 waren es rund 1000 Angebote - alles wie am Schnürchen lief.

Rolf Pröpper wurde im April 1994 in den Ruhestand verabschiedet. Seine Nachfolge trat Annemarie Becker-Freyseng an. Unter ihrer Regie formulierte die Volkshochschule 1996 Leitziele, mit denen sie sich in die Tradition der Gründer Radbruch und Heller stellte:
„Im Mittelpunkt der Arbeit steht der einzelne Mensch mit seinen Bildungsinteressen ...Bildung ist mehr als Wissensvermittlung und Qualifizierung für das Berufsleben, sondern entwickelt die emotionalen und sozialen, politischen und moralischen Fähigkeiten von Menschen.“ Die Volkshochschule wirke mit ihrer Arbeit gegen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt, sie sei ein „Spiegelbild der Demokratie“.

Ab 1990 gab es auch VHS-Angebote, die als Bildungsurlaub abgerechnet werden konnten. Weiterhin bestanden die Gesprächs- und Aktivkreise für Menschen „55 plus“, ebenso wie Kurse für Gehörlose.

Umfangreich war das Programm des „Frauenforums“, das sich weiblichen Lebensrealitäten ebenso widmete wie Frauen in der Geschichte. Dozentinnen klärten praktische Fragen zu Geld und Beruf und luden zum „Tanz der Göttinnen“ ein.

Als in den 1990ern Personal-Computer nicht nur in den Büros, sondern auch in Wohnungen, Studentenbuden und Klassenzimmern zum unverzichtbaren Werkzeug wurden, reagierte die Volkshochschule mit entsprechend vielfältigen Kursangeboten. Sie führten nicht nur in gängige Office-Programme ein, sondern befassten sich auch mit Support, Netzwerken und Administration. Und wer sich von der PC-Arbeit erholen wollte, fand ein paar Seiten weiter im Programm Yoga, Taijiquan und Qi Gong, Fitness und Tanz, Artistik, Selbstverteidigung und natürlich auch die „Rückenschule“.

80 Jahre Volkshochschule feierte man im September 1999 mit der Ausstellung „VHS-Kunstgang“ des Programmbereichs Kunst und Gestaltung. An vier Orten – Landesbibliothek, IHK, VHS-Galerie und Rathaus – zeigten mehr als 70 Lehrkräfte ihre eigenen Werke, nicht nur in Malerei, Bildhauerei und Graphik, sondern auch in Kunsthandwerk, Design und Figurentheater. Zu den Ausstellenden gehörte auch der damalige Leiter des Fachbereichs, Ulrich Behl, der 2016 mit dem Kulturpreis der Stadt Kiel geehrt wurde.

1980-1994 Dr. Rolf Pröpper
1994- 2004 Annemarie Becker-Freyseng (zeitweise kommissarisch vertreten durch Gerd Neuner)

  • Tibetischer Buddhismus im Exil – eine Reise nach Nordindien (Diavortrag als Vorbereitung für eine Studienreise der VHS)
  • Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht von 1941 bis 1944 – Begleitveranstaltungen der VHS zur Ausstellung im Landeshaus vom 7.1.-14.2.1999
  • Word 7.0 für Windows 95 für Gehörlose – Grundlagen der Textverarbeitung, Textgestaltung und Druckaufbereitung
  • Mobbing. Strategien der Vorbeugung und der Abwehr
  • WenDo – Selbstbehauptung und Selbstverteidigung für Frauen ab 50 Jahre
  • Die Entstehung der Jungmoränenlandschaft während der Eiszeit – geologisch geführte Fahrradtour von Kiel über Schönhorst, Brügge und Bissee zurück nach Kiel.
  • Theater-Improvisation – Zeitinseln der Phantasie. Unterhaltend gestaltete Arbeit an Sprache und Stimme, Konzentrations- und Wahrnehmungstraining stehen im Mittelpunkt des Kurses.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts waren nicht nur Computer, sondern auch das Internet in vielen Haushalten Alltag. Die Volkshochschule schuf folglich die Möglichkeit, sich online für Kurse anzumelden.

Ansonsten war der Start ins neue Jahrtausend eher holperig: Städtische Sparmaßnahmen führten dazu, dass auch die Erwachsenenbildung auf den Prüfstand kam. Man sprach davon, ganze Fachbereiche - Gesundheitsförderung, politische Bildung, kreative Gestaltung – zu streichen. Das hätte den Verlust wesentlicher Inhalte bedeutet, die bereits in den Gründungsjahren der Volkshochschule eine Rolle gespielt hatten. Gegen diese Kürzungen wehrten sich erfolgreich engagierte Hörerinnen und Hörer, indem sie mit Dozenten und Mitarbeitern 2004 einen Förderverein gründeten.

Das neue Jahrtausend brachte auch räumliche Veränderungen. 2006 zog die Volkshochschule aus der Gerhardschule aus. Der Fachbereich Bildende Kunst wurde mit der Museumspädagogik der Stadtgalerie zur „vhs-Kunstschule“ zusammengelegt. Zu diesem Zweck verwandelten sich im Neuen Rathaus Büroräume in Ateliers. Eingeweiht wurden sie am 19. September 2009 mit einem Kunstfest.

Die Vielfalt ihrer Themen und Angebote konnte die Volkshochschule bis heute bewahren. Ein Schwerpunkt muss jedoch für die Zeit seit der Jahrtausendwende hervorgehoben werden: Zunehmend übernimmt die Volkshochschule Aufgaben der Integration. So gab es von 2001 bis 2004 das Projekt „Ost-West-Integration“ für deutschrussische Aussiedler, das vom Innenministerium gefördert wurde. Bei Ausflügen, Kochabenden und Museumsbesuchen lernten sie ihre neue Heimat kennen und bekamen viele Gelegenheiten, Deutsch zu sprechen.

Als 2008 der Einbürgerungstest eingeführt wurde, war es ebenfalls die Volkshochschule, die ihn praktisch umsetzte. Im Gustav-Radbruch-Haus konnte man den Test nicht nur ablegen, sondern auch Vorbereitungskurse dafür besuchen.

Ihre Kompetenz auf diesem Feld bewies die Volkshochschule zuletzt 2015, als innerhalb kurzer Zeit rund eine Million Flüchtlinge in Deutschland ankam. Etwa 35.000 fanden in Schleswig-Holstein Aufnahme. Mit Integrations- und Deutschkursen erleichterte die Volkshochschule ihnen den Neuanfang.

2005 erhielt die Volkshochschule das Zertifikat „Lernorientierte Qualitätstestierung in der Weiterbildung“. Im gleichen Jahr bekam sie mit Ingrid Schuran eine neue Leiterin. In ihre Amtszeit fiel 2011 die Gründung der Förde vhs, ein Zusammenschluss mit den Nachbar-Volkshochschulen Kronshagen und Altenholz. Seit Januar 2018 gehört auch die Volkshochschule der Stadt Schwentinental dem Verbund an.

2013 reichte Ingrid Schuran den Staffelstab weiter an Helga Jones, bisher Leiterin der Volkshochschule Neumünster. Sie hat die Ehre, im Jahr 2019 zur 100-Jahr-Feier der Kieler Volkshochschule einzuladen.

1994- 2004 Annemarie Becker-Freyseng (zeitweise kommissarisch vertreten durch Gerd Neuner)
2004/2005 Kulturdezernent Heinz Rethage
2005-2013 Ingrid Schuran
2013 bis heute Helga Jones

  • Quo vadis, Kirche? Mitgliederverlust, neue theologische Ideen und Dialog mit anderen Kirchen und Religionen schaffen Verunsicherung, aber auch neue Möglichkeiten.
  • Internationale Finanzkrise – Hintergründe und Chancen für die Zukunft
  • Kommunalpolitik bürgernah und vor Ort. Demokratie und Willensbildung in den Fraktionen und Stadtteilen – Ortsbeiräte und Selbstverwaltung
  • Wanderung durch das Eidertal nur für Frauen – mit meditativen Übungen zur intensiveren Wahrnehmung der Natur und uns selbst
  • Fledermausempfänger (Ultraschallempfänger) selbst gebaut
  • Mittelalterlicher Schwertschaukampf

 

Text: Eva-Maria Karpf


Verwendete Quellen und Literatur: Ausgewählte vhs-Programme | Zeitungsausschnitt-Sammlung des Stadtarchivs | Gründungsrede Gustav Radbruch | Torsten Prawitt | Kieler Kulturleben in der Trümmerzeit 1945-1948 (MGKStG 70, 1986) | Bericht von Stadtschulrat Hoffmann 1966 | Reden von VHS-Leiter Pröpper.
Fotos: Gustav Radbruch, Deutsches Historisches Museum | Hermann Heller, Stadt Leipzig | Universität und Volkshochschule, Slg. Karpf